Gastkommentar

Zum 1. August: «Liebe Schweiz, vielen Dank allen, die nett sind, die bei den Behörden geschuftet haben und in den Spitälern»

Autorin Sibylle Berg.

Wer in der Schweiz lebt, kann sich glücklich schätzen. Ein Gastkommentar zum 1. August von Sibylle Berg.

... also eigentlich: liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, liebe Regierung, liebe Alle.

Herzlichen Glückwunsch, dass es uns noch gibt und wir das Glück haben, hier zu leben. Entweder einem Zufall gedankt oder, wie bei mir, einer Entscheidung. Sie wissen schon: Willensnation. Jetzt haben wir mehr als die Hälfte eines anstrengenden Jahrs hinter uns, und es gibt vieles, was wir vielleicht gelernt haben. Oder um dieses anmassende Wir zu vermeiden: Ich habe viel gelernt. Das Erste, was ich aber schon ahnte: Nichts ist selbstverständlich.

Als Nächstes kam die Erkenntnis, dass wir so weiterleben können wie immer. Das heisst: Dass die Natur beherrschbar ist und die Folgen unserer Systeme irgendwie reparierbar sind. Ich habe gelernt, dass meine Zufriedenheit in unserer Demokratie gerechtfertigt ist. Es gab mir Sicherheit, zu sehen, dass keiner unserer Politikerinnen und Politiker tat, als wäre sie oder er im Besitz einer gültigen Wahrheit.

Es gab ein Abwägen, eine relative Transparenz und ein Vertrauen in die Menschen, die den Staat bilden: die Bevölkerung. Es wurde Ruhe und Besonnenheit vermittelt, die Bevölkerung dankte es mit ruhigem, besonnenem Verhalten. Es gab Solidarität, Anteilnahme, und einige unangenehme Medien, die die Entsolidarisierung mit alten Menschen zur Normalität machen wollten. Sie stiessen meist auf Ablehnung.

Ich habe keine Angst gehabt – von dem kleinen unangenehmen Moment, als die Armee auf den Plan gerufen wurde, einmal abgesehen. In meinem Umfeld (also einschränkend muss ich sagen: Das sind meist Kleinselbstständige, Künstlerinnen und Künstler, Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmer) ist niemand verhungert, bankrottgegangen, es wurde für fast alle schnell und unbürokratisch gesorgt, was wiederum zu starkem Vertrauen führte.

Sichtbar wurde, dass es in unserem Land Hunderttausende Lebende unter der Armutsgrenze gibt, die in Essensausgaben Schlange standen. Ich werde diese Bilder nicht so schnell vergessen, wenn ich mal wieder anfange a) zu nörgeln. Oder b) zu denken, wie toll und perfekt doch alles hier ist. Ich werde mich hoffentlich lange daran erinnern, dass ich sehr viel weniger brauche, als ich normalerweise kaufe.

Dass dieses Kaufen mich nicht glücklich macht. Dass Strassen ohne Autos grossartig sind, dass überall auf einmal Menschen auf Balkonen und in Höfen sassen und miteinander redeten, im Kerzenlicht, und dass es war, wie vielleicht vor 20 Jahren, als das Tempo langsamer war, die Menschen mehr Zeit hatten und entspannter waren.

Ich befürchte, dass ich das vergessen könnte. Ich befürchte, dass ich ab und zu vergesse, was für ein Glück es ist, hier zu leben. Vielen Dank allen, die nett sind, die bei den Behörden geschuftet haben, in den Spitälern, vielen Dank allen freundlichen Schweizerinnen und Schweizern, und jetzt lassen wir zusammen ein inneres Feuerwerk los und hoffen, dass wir uns nächstes Jahr wieder draussen sehen können.

Gesund und zufrieden. Und ein wenig klüger.

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