Kultur

Bei der Kunst duldete sie keine Kompromisse. Zum Tod von Ludmila Vachtova

Ludmila Vachtová (2018)

Die Kunstkritikerin Ludmila Vachtova war die unbestechlichste Stimme in der Zürcher Kunstszene. Ihr Herz schlug für die Moderne. Gespottet hat sie nur privat – aber treffend. Nun ist sie 86-jährig gestorben.

Sie konnte hart urteilen – aber die Kunstkritikerin Ludmila Vachtova begründete ihre Haltung stets glasklar. Ihre Sätze mochten lang und barock verschlungen, die Gedanken differenziert sein, verständlich und nachvollziehbar waren sie stets. Kein Wunder also, war die Kritikerin, die in der in der NZZ, in der (alten) «Weltwoche» und im «Tagesanzeiger» schrieb, für mich als junge Journalistin und angehende Kunstkritikerin ein Vorbild und eine Respektsperson. Am 23. Juli ist Ludmila Vachtova
86-jährig überraschend in Zürich gestorben.

Ludmila Vachtova schrieb Jahrzehnte lang für die Zürcher Zeitungen – und hörte überall auf, als man ihr dreinpfuschte. «Ich lass mir meine Artikel doch nicht durch irgendwelche Ignoranten verunstalten oder um das wesentliche Argument kürzen», erklärte sie mir später einmal. Für diese Kompromisslosigkeit bezahlte sie. Selber. Immer wieder.

Sie blieb bis zum Schreibverbot in Prag

Geboren wurde Ludmila Vachtova 1933 in der Tschechoslowakei, in Prag studierte, doktorierte, kuratierte und publizierte sie. Geprägt haben ihre Sicht auf die Kunst der tschechische Barock, den sie liebte und über den sie ihre Diplomarbeit an der Karlsuniversität schrieb, wie die starke
abstrakte Moderne in Tschechien. Über den Pionier des tschechischen Kubismus, František Kupka, doktorierte sie 1968. Und als Kuratorin und Publizistin engagierte sie sich für – auch missliebige – zeitgenössische Progressive. Engagiert – bis sie 1972 Schreibverbot erhielt Erst dann zog sie in die Schweiz, zum Bildhauer Florin Granwehr (1942-2019), mit dem sie seit 1969 eine Ehe auf räumliche Distanz geführt hatte.

Schneller Wechsel ins Deutsche

Sie begann – zwangsläufig – auf Deutsch zu schreiben. Aber wie! Und wie schnell und perfekt. Nur im Mündlichen blieb ihr tschechischer Akzent hörbar. Die Zürcher und Schweizer Szene durchschaute sie schnell. Für ihr Wissen, ihr Schreiben war sie hoch geachtet – wegen ihrer Kompromisslosigkeit manchmal wohl auch einsam.

Mit der Vachtova einfach so zu plaudern, schien mir lange wie nicht angebracht. Belangloses, Alltägliches passte nicht zum Bild dieser Respektsperson, dieser Analystin mit ihrem enormen Wissen. Welch ein Irrtum! Mit niemanden sonst, liess sich so trefflich über die Szene frotzeln. «Du weisst, warum die Galerie Sowieso diesen Mist zeigt?», konnte sie etwa rhetorisch fragen und einem dann so genüsslich wie witzig die Beziehungsdelikte und Schwächen der Szene aufdröseln.

Sie schrieb über osteuropäische Avantgardistinnen ebenso kenntnisreich wie über die Zürcher Künstler Hanny Fries und Varlin. Oder über die wilden Dadaistinnen. Deren Humor und Schalk waren bei Ludmila Vachtova in den besten Händen. Auf den – endlich – für nächstes Jahr beim Verlag Scheidegger & Spiess angekündigten Sammelband mit Texten von Ludmila Vachtova freue ich mich. Kompromisslos.

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